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Beiträge von Michael Danner

„Fest im Sattel sitzen“

„Fest im Sattel sitzen“

Die Veränderung der„Gleichgewichtssituation“ bei historische Reiterstandbilder und den Reiterskulpturen von Marino Marini

„Er sitzt fest im Sattel“, er hält die Zügel fest in der Hand, er beherrscht die Situation, nichts und niemand kann ihn gefährden, nichts kann ihn aus dem Gleichgewicht bringen Hoch zu Ross sitzt der Reiter. Der Mensch dominiert und lenkt das Tier. Pferd und Reiter sind eine sichere Einheit.

Der Reiter verschafft sich, sitzend auf dem Pferd, einen stabileren Stand, auf vier anstatt nur auf zwei Beinen. Sitzend auf dem Pferd thront er über dem Fußvolk.

Herrscher und mächtige Männer aller Zeiten haben sich in Reiterstandbilder darstellen lassen. Das beherrschte Pferd kann man durchaus als Stellvertretersymbol für das Volk, für die Untertanen sehen. Um den Ausdruck der sicheren enthobenen Beherrschung nochmals zu steigern, wurden diese Standbilder meist noch auf hohe Sockel gestellt. Daran ist der hierarchische Aufbau der entsprechenden Gesellschaft ablesbar, der so Stabilität, Festigkeit und sichere Macht vermitteln soll – nichts soll im Wanken sein.

Beispiele dazu:

Reiterstandbild Marc Aurel, Kapitol, Rom

Reiterstatue von Mark Aurel, 2.Jahrhundert, Rom

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Feldherr Bartolomeo Colleoni von Andrea del Verocchio, 1496, Venedig

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Friedrich der Große von Christian Daniel Rauch, 1851, Berlin

 

Nach dem 2. Weltkrieg ist diese hierarchische Gesellschaftsordnung in Europa zusammengebrochen. Die Macht der Monarchen und Diktatoren ist gebrochen und gestürzt. Eine neue demokratische Gesellschaftsstruktur entsteht.

Dazu: gesprengte Reiterstatue Mussolini in Waidbruck, Südtirol

Mussolinidenkmal in Waidbruck red2

 

Der italienische Künstler Marino Marini gestaltet nun völlig neue Darstellungen des Verhältnisses Pferd und Reiter.

Bei der Bronzeskulptur „der kleine Reiter“ sitzt der Reiter auf einem Pferd mit massigem Körper und zerbrechlich wirkenden Beinen. Er sitzt mit abgestreckten Armen und versucht so seinen Halt zu balancieren.

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In einer weiteren Reiterskulptur von Marini aus dem Jahr 1953 bäumt sich das Pferd, mit dem Hinterteil schon am Boden, senkrecht auf. Der Reiter scheint sich noch in einer, so nicht mehr möglichen, rechtwinkligen Sitzhaltung zum Pferd waagrecht zu halten. Das Gleichgewicht ist verloren, im nächsten Augenblick wird er rücklings zu Boden fallen.

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In den Jahren 1959-60 entsteht „Mirakulo“. Das Pferd ist vornüber zusammengebrochen. Der armlose, hilflose Mensch versucht sich noch an den Pferdekörper zu schmiegen. An diesem wird er abrutschen.

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Bei „Der Schrei“, drei Jahre später, ist das Pferd dramatisch zusammengebrochen. Der Reiter liegt am Boden. Die Einzelteile der beiden Körper lösen sich in kantige Massen auf. Diese bleiben jedoch miteinander verhaftet. Sie bilden eine neue untrennbare Gesamtform.

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Das Verhältnis, das Gleichgewicht von Pferd und Reiter hat einen neuen Zustand, eine neue Qualität erreicht.

 

 

Gleichgewicht – Suche nach Halt

Gleichgewicht – Suche nach Halt

Der Prozess des Entstehens, im fließenden Übergang zum Vergehen, ist ohne Anfang und Ende. In diesem Strom treiben die Existenzen und wirbeln durch die Zeit.

Ruhe und Beständigkeit herrschen nur in den mehr oder weniger langen Zuständen der Gleichgewichtigkeit der einwirkenden Kräfte. Hier scheinen die Turbulenzen beruhigt und zum Stillstand gekommen zu sein. Diese Periode erzeugt ein Gefühl von Sicherheit.

Die bewegenden Kräfte sind immer noch aktiv vorhanden. Gegeneinander wirkend, egalisieren und stabilisieren sie sich jedoch. Um die Periode der Stabilität und Sicherheit zu verlängern muss permanente Anstrengung aufgebracht werden. Jeder überhandnehmenden Kraft muss eine verstärkte Gegenkraft entgegengesetzt werden.

Der Halt und die damit verbundene Sicherheit sind nichts Festes. Die gegeneinander wirkenden Kräfte können jederzeit wieder in turbulente, chaotische, haltlose Bewegungen kommen.

Der gotische Turm – eine vertikale Waage

 Beim gotischen Turmbau wurden die Kräfte der Statik, des Lastenden und Tragenden, des Schweren und Gestützten, die Eigenschaften des Materiellen, bis an die maximalen Grenzen benutzt, um möglichst weit vertikal nach oben bauen zu können. Dieser enorme Aufwand wurde betrieben um über die höchste Ausdehnung, den äußersten Punkt, Kontakt zur überirdischen Welt, zur göttlichen Sphäre zu erreichen. In diesem anderen Raum sollte die Idealvorstellung, das „himmlische Jerusalem“ entstehen.

So kann die gotische Idee als das Bild einer vertikalen Waage begriffen werden, auf deren einen unteren Seite sich das Irdische befindet und auf der anderen oberen Seite das himmlische, göttliche Jenseitige.

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Ulmer Münster red

Spitze des Ulmer Münster-Turmes

Der Gratwanderer

 

Der Gratwanderer I

die Angst rechts nach unten zu schauen,

die Angst links nach unten zu schauen,

die Angst sich umzudrehen,

die Angst weiterzugehen

 

 Der Gratwanderer II

Der Wanderer im Hochgebirge,

beim Überschreiten des Felsgrats,

hält sich an dem ihn umgebenden Nebel fest.

 

Der Gratwanderer III

Stehend auf dem Felsgrat,

im Schwindel des Blicks in die Tiefe,

schaut er nur auf den vor ihm liegenden Stein.

 

Der Gratwanderer IV

Seine schweren Schritte kleben an dem schmalen Steg über den Abgründen.

Eine Dohle landet mühelos auf dem äußersten Felsrand.

 

Dohle 1

Dohle 2

zum Vergrößern der Abbildungen bitte auf das Bild klicken

Gleichgewicht menschlich-animalisch: der Löwenmensch

Gleichgewicht von Animalischem und Menschlich-Geistigem. Der Mensch mit Tiernatur:

der „Löwenmensch“ , eine der ältesten Skulpturen weltweit, ca 40 000 Jahre alt, Mammutelfenbein, ca 31 cm hoch, gefunden in der Hohlenstein – Höhle im Lonetal bei Ulm, jetzt im Ulmer Museum

Schon am Beginn unserer menschlichen Kultur wurde der Mensch als von zwei Kräften bestimmt gesehen: Menschnatur und Tiernatur. Der „Löwenmensch“ zeigt diese Dualität. Ich sehe den Menschen immer noch davon beherrscht. Da hat sich in den 40 000 Jahren grundsätzlich nicht viel geändert. Die Entwicklung der Kultur ist der Versuch das Tierische im Menschen durch ein geistiges Gegengewicht zu zähmen. Wird dieses Gegengewicht nicht gepflegt kommt wieder die Bestie durch.

So ist die erste plastische menschliche Darstellung immer noch aktuell. Dieser Steinzeitkünstler hat die wesentliche Problematik des Menschseins erfasst und permanent gültig dargestellt. Der „Löwenmensch“: nicht nur die älteste , sondern auch die bedeutendste Darstellung des Menschen.

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Foto: Ulmer Museum

Die zwei Zustände des Gleichgewichts

Die zwei Zustände des Gleichgewichts

die Kugel liegt zentriert auf der Bergspitze

oder

die Kugel liegt im Tal

Auf der Spitze kann die Kugel nur mit äußerster Anstrengung gehalten werden.

Die Tragik des Scheiterns ist absehbar.

Die Kugel ruht im Tal:

der endlos ohnmächtige Zustand nach dem Absturz

Dazwischen ist die Zeit der Bewegung, des Hinabrollens,

vielleicht die kurze Spanne des Glücks.

Nur ein Sisyphus kann einen neuen Versuch wagen.

Veränderungsprozesse

In der aktuellen Ausgabe (4.Oktober 2012) der Wochenzeitung „Die Zeit“ habe ich den Artikel über den Klimawandel „Der große Selbstbetrug“ gelesen. Hier wird beschrieben, dass das Ziel die Erderwärmung auf zwei Grad zu beschränken nahezu nicht erreichbar ist, sondern sich die Erde um 4 Grad mehr bis zum Ende des Jahrhunderts aufheizt. „Die wichtigste Voraussetzung menschlicher Zivilisation – dass es nämlich eine natürliche Umgebung gibt, auf die man sich einstellen kann – ist in einer Vier-Grad-Welt nicht erfüllt. Jahreszeiten, Vegetationsmuster, Küstenlinien ändern sich, nicht nur einmal, sondern fortwährend, wahrscheinlich für Jahrhunderte. Der Meeresspiegel steigt schnell. Wälder, sowohl in den Tropen als auch in der nördlichen Hemisphäre, machen Steppen oder Wüsten Platz und setzen dabei gewaltige Mengen Kohlendioxid frei, das den Klimawandel weiter beschleunigt. Dazu kommen unberechenbare Veränderungen der Meeresströmungen in Atlantik und Pazifik mit unabsehbaren Folgen – nicht nur, aber auch für die Temperatur in Europa.“ “ Auch im günstigsten Fall dürfte es Millionen von Menschen das Leben kosten.“

„Der Streit um den Klimaschutz ist ein gesellschaftlicher Konflikt, es geht um Kraftwerke, Verkehrsmittel, Siedlungsstrukturen, es geht um Wachstum und Verzicht, überall stehen Ökoreformer gegen Vertreter des Weiter-so-ähnlich.“

Das bestehende Gleichgewicht ist schon zu gestört und die weiteren zusätzlichen Belastungen des Klimasystems werden nur durch äußerste, kaum zu vollbringende globale Anstrengungen, genügend zu reduzieren sein.

Wir erkennen zu spät, wann ein komplexes System sich stark ändert, obwohl es schon lange Vorwarnungen gab.

Nur durch massives Gegensteuern kann der extreme Ausschlag verhindert werden. Um die Situation zu erkennen und eine längerfristige Verhaltensveränderung zu bewirken ist jedoch ein entsprechendes Bewußtsein des Einzelnen wie der Staatengemeinschaften erforderlich.

Und die Veränderungsprozesse laufen…

Komplexe Systeme

Nichts ohne das Andere

wie uns komplexe Systeme beeinflussen

Objekte, die erst durch das komplexe Zusammenspiel der Einzelteile ihr Aussehen und Funktion bekommen und bei denen die Veränderung eines Teiles das Ganze wesentlich verändert, haben mich schon lange Zeit interessiert. So sind auch viele meiner künstlerischen Arbeiten aufgebaut.

In verschiedenen Artikeln in Zeitungen und Zeitschriften habe ich sporadisch immer wieder über die Untersuchungen im naturwissenschaftlichen Bereich von komplexen Systemen gelesen. Besteht zwischen dem vermehrten Auftauchen dieses Begriffes und meiner künstlerischen Arbeit ein Zusammenhang?

Wie jeder erfahren hat, entstehen in immer rascherer Abfolge globale Veränderungen. Manche sind plötzlich da, andere entstehen langsam, beginnen kaum merklich.

Wer hätte noch vor kurzem geglaubt, dass in Nordafrika solche politische Umwälzungen stattfinden? Soziale und politische Spannungen und Unzufriedenheit waren wohl schon länger vorhanden. Durch eine neue von außen kommende Möglichkeit wurden die Revolutionen ausgelöst und ermöglicht: durch das neue Kommunikationsmittel Internet. Es war jetzt möglich, schnell und weiträumig Informationen auszutauschen und sich zu verabreden. Damit hatte niemand gerechnet.

Unerwartet, auch von Fachleuten, wurden wir vor nicht all zu langer Zeit von einer weltweiten Wirtschaftskrise überrascht.

Ein weiteres Beispiel: Ein hochkompliziertes System, auch mit großen Sicherheitsvorkehrungen, die Atomkraftwerke in Fukushima in Japan, wurden durch einen unerwarteten Auslöser, durch ein Erdbeben mit Tsunami, zum Kollaps gebracht. Dabei wurde offensichtlich, so zeigten es die Nachrichten, dass niemand mehr wusste was in den Reaktoren passierte.

Manche großräumige Veränderungen vollziehen sich zunächst langsam, haben jedoch um so markantere Auswirkungen, wie die globale, von Menschen verursachte Klimaerwärmung. Dadurch breiten sich unter anderem Wüstengebiete aus. Die dort lebende Menschen finden kein Auskommen mehr und ziehen weg. Migrationsdruck entsteht.

Die Erforschung der Dynamiken und Wechselwirkungen von komplexen Systemen ist ein relativ neues Forschungsgebiet der verschiedenen Wissenschaften und auch deren interdisziplinären Verbindungen. Dies erforschen z.B. das „Max Plank – Institut für Physik komplexer Systeme“ oder das „interdisziplinäre Zentrum für komplexe Systeme“ der Universität Bonn, um nur zwei zu nennen.

Was ist nach wissenschaftlicher Vorstellung ein komplexes System?

Verschiedene Einzelteile stehen miteinander in einer Wechselwirkung und beeinflussen sich gegenseitig. z.B. Wassermoleküle im Wasser oder im sozialen Bereich Vater, Mutter, Kinder und das Komplexe: die Familie.

Komplexe Systeme sind meist auch offene Systeme. Sie stehen mit ihrer Umwelt in aktiver Verbindung und tauschen Energie mit ihr aus, z.B. erhält der Ozean Einträge durch die Zulaufflüsse und er gibt wieder Wasserdampf an die Atmosphäre ab.

Diese Systeme haben Mechanismen zur Bildung stabiler Strukturen durch Selbstorganisation. Diese können in der Lage sein Informationen zu verarbeiten und sogar daraus zu lernen.

Selbsregulierende Kräfte können Gleichgewicht und Balance verstärken und so stabilisierend wirken.

Jedoch besteht auch die Möglichkeit, dass minimale Veränderungen in den Anfangsbedingungen oder kleine Störungen zu völlig unterschiedlichen Entwicklungen und Ergebnissen führen können. In manchen Bereichen können die Anfangsbedingungen nicht genau bestimmt werden, weil sie nicht exakt genug messbar sind oder weil sie sich der Bestimmbarkeit überhaupt entziehen. Aus der Chaosforschung, die solche offenen Entwicklungen mathematisch dargestellt hat, ist dies als „Schmetterlingseffekt“ bekannt geworden. In bestimmten fragilen Situationen kann sogar der minimale Einfluss eines Schmetterlingflügelschlags zu der langfristigen Veränderung des Wetters führen.

Die Abfolge der Ereignisse kann, durch unterschiedliche Faktoren bedingt, in ein Verhalten kommen, das nicht mehr vorhersagbar und klar berechenbar ist. Es kommt zu einem chaotischen Verhalten. Es bestehen immer wieder verschiedene nahezu gleichwertige, jedoch unterschiedliche Möglichkeiten der Weiterentwicklung.

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In komplexen Systemen erscheint Emergenz. Durch das Zusammenwirken der Einzelteile können für das Ganze unerwartete neue Eigenschaften auftreten. Untersucht man die Einzelteile, so kann man daraus nicht auf die Möglichkeiten des Gesamten schließen. Gas besitzt „Druck“ und „Temperatur“. Die einzelne Moleküle sind ohne diese Eigenschaft. Oder: aus der neurologischen Untersuchung des Gehirns kann man nicht auf das Vorhandensein eines Bewusstseins schließen. Oder: Aus der Betrachtung eines Fingers kann man nicht die Greiffähigkeit der ganzen Hand erkennen. Das Ganze ist mehr als die Einzelteile. Eigenschaften der makroskopischen Welt können nicht durch Eigenschaften der mikroskopischen Welt erklärt werden. Neue Verbindung von Einzelteilen können nicht vorhersagbare Eigenschaften, Zustände und Verhalten hervorbringen.

Betrachtung Komplexer Systeme in den verschiedensten Wissenschaftsbereichen:

In der Physik wird zum Beispiel das Verhalten von Atomen untersucht, die durch Selbstorganisation kleinste Verbindungen herstellen. So können im Computerbau , wo immer winziger werdenden Bauteile durch keine Maschine mehr gefertigt werden können, diese produziert werden.

In der Biologe wird das ökologische Zusammenleben von Populationen mit den Strukturen offener komplexer Strukturen betrachtet, wie das Wechselverhalten von Raubtier- und Beutetierpopulationen.

In den Wirtschaftswissenschaften wird von einer gewissen Selbstorganisation von Angebot und Nachfrage ausgegangen. Jedoch können die verschiedensten Einflüsse, wie Spekulationen oder plötzlich änderndes Konsumverhalten darauf einwirken.

Weiter Forschungsgebiete der komplexen Systeme sind in der Chemie, der Wetterkunde, den neuen Medien, dem Internet, bei der Suche nach künstlicher Intelligenz. Auch in der Soziologie, der Medizin, der Neurologie, der Psychologie werden Abläufe mit dieser Methode betrachtet. Die Mathematik versucht entsprechende Formeln dazu mit nichtlinearen Differentialgleichungen zu modellieren. Es gibt wohl mittlerweile kein Gebiet, das nicht in dieser Weise betrachtet wird.

Der Mensch selbst ist, wie wir wissen und laufend auch an uns selbst feststellen, ein komplexes System.

Schon bei seiner Entwicklung können kleinste Veränderungen in der DNA zu einer anderen Persönlichkeit führen.

Wir sind in ständigem Austausch mit unserer Umwelt verbunden. Einflüsse in einem Bereich können sich woanders auswirken. Wird jemand im sozialen Bereich gemobbt, so können dadurch neben psychischen Beeinträchtigungen auch körperliche Krankheiten auftreten.

Wir sind eingebunden in Kreisläufe der Natur und Zeitrhythmen, die durch kosmische Bewegungen vorgegeben sind. Die Sonne gibt Tag und Nacht und die Jahreszeiten vor.

In der analytischen Betrachtung der klassischen Naturwissenschaft wird das Ganze in immer kleinere Einheiten zergliedert um dieses zu untersuchen und zu verstehen.

Pierre Simon de Laplace (1747 – 1827) meinte Anfang des 19. Jahrhunderts die Natur berechnen zu können, wenn alle Kraftgesetze und Anfangsbedingungen bekannt sind. Dieser Glaube hielt sich bis lange ins 20.Jahrhundert.

Jedoch wurde im Bereich der Naturwissenschaften mittlerweile erkannt, dass es Grenzen des Erfassens dieser kleinsten Bereiche gibt, wie es in der Quantenphysik die Heisenbergsche Unschärferelation darstellt.

Dieses rein deterministische, konstruktive Weltbild ist durch das naturwissenschaftliche Erkennen von emergententen Phänomenen und dem oft chaotischen Verhalten komplexer Systeme überholt. Der Anspruch auf die Berechenbarkeit und Konstruierbarkeit der Welt besteht nicht mehr in dieser Weise. Die Wissenschaft rechnet jetzt mit Wahrscheinlichkeiten, Unbestimmtheiten und chaotischen Entwicklungen. Die reduktionistische atomisierende Methode der Naturwissenschaft hat sich umgedreht.

Methoden der asiatischen Philospphie die Komplexitäten der Welt zu erfassen

Schon vor über 2000 Jahren beschäftigte sich die asiatische Philosophie mit der Betrachtung des menschlichen Verhaltens als Teil eines höchst komplexen wechselwirkenden Systems von Natur und sozialer Umgebung. Dabei wurde versucht die oft undurchschaubaren, nicht logisch zu begreifenden Abläufe doch in ihren überraschenden Veränderungen zu erfassen. Das „I Ging“, das „Buch der Wandlungen“, ein Orakelbuch, das dem taoistischen Gedankengut zugerechnet wird, kann man als eine frühe Beschreibung von Wechselfällen des Lebens sehen. Es bietet eine Handlungsanweisung das Gleichgewicht zwischen Erde, Himmel und Mensch wieder herzustellen. So vertraut auch Laotse auf eine gewisse natürliche Selbstorganisation, wenn er sagt: „die Dinge hervorbringen aber nicht beherrschen“.

Im Zen-Buddhismus wird die Aufgabe gestellt über einen absurden Satz zu meditieren, wie: „stell dir das Klatschen mit einer Hand vor“. Diese intensive Meditation soll den eigenen Bewußtseinszustand und das Erkennen der Welt ändern. Meines Erachtens ist dies eine Methode die normalerweise für unseren Verstand nicht zu begreifende Emergenz zu erfassen. Schon auf der unteren Ebene, der Ebene der Einzelteile, also der Ebene der einen Hand, muss die nächste komplexe Ebene, die der Möglichkeit der zwei Hände, das Klatschen, erfasst werden. Eine Unmöglichkeit für das logisch kausale additive Denken.

Erst durch das Loslassen des logischen Denkens und dem inneren Erkennen von Ganzheitlichkeit kann das Komlexe direkt erkannt werden.

Intuition und Kunst als Möglichkeit komplexe Bereiche zu erfassen

„Intuition“ wird umgangssprachlich als „Bauchgefühl“ bezeichnet. Warum soll dieses Gefühl gerade aus dem Bauch kommen? Der Bauch ist die Mitte des Körpers. Die Mitte ist dort, wo alles von außen kommende zusammenläuft. Wie bei einem Rad, bei dem sich die großen Bewegungen des äußeren Kreises über die Speichen auf die Nabe konzentrieren.

Wir sind so untrennbar mit den verschiedenen komplexen Lebensabläufen verbunden, dass wir diese ununterbrochen erfahren, diese uns geradezu bedingen. Meist reagieren wir darauf unbewusst, intuitiv.

Ein ausgestreckter Arm erfordert eine Gegenbewegung des ganzen Körpergewichtes. So können wir aufrecht bleiben ohne umzufallen. Der Körper hält die Spannung der Balance. Mit rein rationalen Überlegungen dazu wären wir überfordert.

Intuition ist vielschichtiges Wahrnehmen um komplexe Zustände zu erfassen, die über die Möglichkeiten der Informationsverarbeitung des rein logischen Verstandes hinausgeht.

In einer Welt, die alles quantifizieren und messen will, mathematische Formeln für alle Entscheidungen anwenden und vorgeben will, verkümmert die individuelle Fähigkeit intuitives Handelns und das Vertrauen in diese Möglichkeit schwindet.

Ich denke, dass intuitive Fähigkeiten auch gestärkt werden können – wie?

Proportionen und Relationen machen das innere Gefüge eines Gebildes aus.Und genau dies, die richtigen Proportionen und Relationen für eine Darstellung zu finden, ist die Absicht und Aufgabe der Kunst.

Wir merken es sofort, wenn bei einem Musikstück „falsche“ Töne gespielt werden.

Für die Kunst ist immer die Beschäftigung mit den Ereignissen einer Zeit die Ausgangslage. Es geht nur so. Der Künstler kann nur von dem ausgehen, das er selbst erfahren und erlebt hat. Er reagiert, auf Grund seiner besonderen Sensibilität, auf ihm bedeutend erscheinende Situationen. Dies sind oft Situationen, in denen eine Veränderung stattfindet. Dies kann eine Entwicklung zum Entstehen von Neuem sein oder auch ein drohendes Chaos.

Der Künstler versucht die Strukturen aus diesem allgemeinen Geschehen zu erfassen und zu extrahieren. Diese formuliert er in einem Musikstück, in einem Bild, in einem Objekt, in einem Gedicht. Die künstlerische Methode ist eine ganzheitliche und entzieht sich der rationalen Erklärbarkeit.

Die Kunst kann Menschen berühren. Der Betrachter, der sich auf ein Kunstwerk einlässt, und der davon berührt wird, wird diese Strukturen sozusagen benutzen können, um seine eigenen Erlebnisse zu interpretieren oder neu sehen zu können. Das intuitive Erfassen der fragilen Bereiche von Gleichgewicht und Balance, von Ruhe und Chaos, von Erschöpfung und Spannung wird dadurch gestärkt.

Vielleicht können so auch Lösungen gefunden und Modelle entwickelt werden, wie eine Balance innerhalb dem Spannungsgefüge erreicht werden kann.

Dies sehe ich als Aufgabe meiner künstlerischen Arbeit.

Ich bin der Ansicht, dass die Intuition der Kunst als Gegengewicht zum rationalen Erfassen nötig ist.

Nichts ohne das Andere