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„Fest im Sattel sitzen“

„Fest im Sattel sitzen“

Die Veränderung der„Gleichgewichtssituation“ bei historische Reiterstandbilder und den Reiterskulpturen von Marino Marini

„Er sitzt fest im Sattel“, er hält die Zügel fest in der Hand, er beherrscht die Situation, nichts und niemand kann ihn gefährden, nichts kann ihn aus dem Gleichgewicht bringen Hoch zu Ross sitzt der Reiter. Der Mensch dominiert und lenkt das Tier. Pferd und Reiter sind eine sichere Einheit.

Der Reiter verschafft sich, sitzend auf dem Pferd, einen stabileren Stand, auf vier anstatt nur auf zwei Beinen. Sitzend auf dem Pferd thront er über dem Fußvolk.

Herrscher und mächtige Männer aller Zeiten haben sich in Reiterstandbilder darstellen lassen. Das beherrschte Pferd kann man durchaus als Stellvertretersymbol für das Volk, für die Untertanen sehen. Um den Ausdruck der sicheren enthobenen Beherrschung nochmals zu steigern, wurden diese Standbilder meist noch auf hohe Sockel gestellt. Daran ist der hierarchische Aufbau der entsprechenden Gesellschaft ablesbar, der so Stabilität, Festigkeit und sichere Macht vermitteln soll – nichts soll im Wanken sein.

Beispiele dazu:

Reiterstandbild Marc Aurel, Kapitol, Rom

Reiterstatue von Mark Aurel, 2.Jahrhundert, Rom

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Feldherr Bartolomeo Colleoni von Andrea del Verocchio, 1496, Venedig

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Friedrich der Große von Christian Daniel Rauch, 1851, Berlin

 

Nach dem 2. Weltkrieg ist diese hierarchische Gesellschaftsordnung in Europa zusammengebrochen. Die Macht der Monarchen und Diktatoren ist gebrochen und gestürzt. Eine neue demokratische Gesellschaftsstruktur entsteht.

Dazu: gesprengte Reiterstatue Mussolini in Waidbruck, Südtirol

Mussolinidenkmal in Waidbruck red2

 

Der italienische Künstler Marino Marini gestaltet nun völlig neue Darstellungen des Verhältnisses Pferd und Reiter.

Bei der Bronzeskulptur „der kleine Reiter“ sitzt der Reiter auf einem Pferd mit massigem Körper und zerbrechlich wirkenden Beinen. Er sitzt mit abgestreckten Armen und versucht so seinen Halt zu balancieren.

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In einer weiteren Reiterskulptur von Marini aus dem Jahr 1953 bäumt sich das Pferd, mit dem Hinterteil schon am Boden, senkrecht auf. Der Reiter scheint sich noch in einer, so nicht mehr möglichen, rechtwinkligen Sitzhaltung zum Pferd waagrecht zu halten. Das Gleichgewicht ist verloren, im nächsten Augenblick wird er rücklings zu Boden fallen.

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In den Jahren 1959-60 entsteht „Mirakulo“. Das Pferd ist vornüber zusammengebrochen. Der armlose, hilflose Mensch versucht sich noch an den Pferdekörper zu schmiegen. An diesem wird er abrutschen.

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Bei „Der Schrei“, drei Jahre später, ist das Pferd dramatisch zusammengebrochen. Der Reiter liegt am Boden. Die Einzelteile der beiden Körper lösen sich in kantige Massen auf. Diese bleiben jedoch miteinander verhaftet. Sie bilden eine neue untrennbare Gesamtform.

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Das Verhältnis, das Gleichgewicht von Pferd und Reiter hat einen neuen Zustand, eine neue Qualität erreicht.

 

 

Erfahrung des Gleichgewichts

Auf diesen Text hat Prof. Dr. Jürgen Aschoff aufmerksam gemacht:

Hans-Georg Gadamer

Über die Verborgenheit der Gesundheit, 1991

Apologie der Heilkunst

…. Ich möchte das hier vorliegende Verhältnis am Begriff des Gleichgewichts und durch die Erfahrung des Gleichgewichts interpretieren. Das ist ein Begriff, der schon in den hippokratischen Schriften eine große Rolle spielt. In der Tat liegt es nicht nur bei der Gesundheit des Menschen nahe, sie als einen natürlichen Gleichgewichtszustand aufzufassen. Der Begriff des Gleichgewichts bietet sich für das Verständnis der Natur überhaupt im besonderen Maße an. Bestand doch die Entdeckung des griechischen Naturgedankens in der Erkenntnis, daß das Ganze eine Ordnung ist, die alle Vorgänge in der Natur in festen Abläufen sich wiederholen und verlaufen läßt. Natur also ist etwas, das sich gleichsam selbst und von selbst in seinen Bahnen hält. Das ist der Grundgedanke der jonischen Kosmologie, in dem alle kosmogonischen Vorstellungen ihre Erfüllung finden, daß am Ende die große Ausgleichsordnung des wechselnden Geschehens wie eine natürliche Gerechtigkeit alles bestimmt.

Setzen wir diesen Naturgedanken voraus, dann ist ärztliches Eingreifen als ein Versuch zu bestimmen, gestörtes Gleichgewicht wiederherzustellen. Darin besteht das eigentliche „Werk“ der ärztlichen Kunst. Fragen wir uns daher, wie sich Wiederherstellen von Gleichgewicht von allem sonstigen Herstellen unterscheidet. Ohne Zweifel ist es eine Erfahrung sehr eigener Art, die wir alle kennen. Die Wiederfindung des Gleichgewichts begegnet genau wie sein Verlust in der Weise eines Umschlags. Es ist eigentlich kein wahrnehmbarer kontinuierlicher Übergang vom einen in das andere, sondern ein plötzliches Verändertsein, ganz anders als der uns sonst vertraute Prozeß des Herstellens, in dem Baustein zu Baustein gefügt und Schritt für Schritt die geplante Veränderung ausgeführt wird. Es ist das Erlebnis der Balance, ,,wo sich das reine Zuwenig unbegreiflich verwandelt -, umspringt in jenes leere Zuviel“. So drückt Rilke die Artistenerfahrung der Balance aus. Was er beschreibt, ist dies: die angestrengte Bemühung um die Herstellung und das Halten des Gleichgewichts erweist sich in dem Moment, in dem die Balance gelingt, plötzlich als das Gegenteil dessen, was sie zu sein schien. Es war nicht ein Zuwenig an Kraft und Einsatz von Kraft, sondern ein Zuviel, das sie verfehlen ließ. Mit einem Schlage geht es wie von selber, leicht und mühelos.

 

Es gilt in der Tat für jede Herstellung von Gleichgewicht, daß diese Erfahrung sie begleitet. Der an der Herstellung des Gleichgewichts Arbeitende wird gleichsam zurückgestoßen von dem sich selbst Haltenden und Genügenden. Wir kennen das im ärztlichen Tun als die eigentliche Weise seines Erfolges, sich selbst aufzuheben und entbehrlich geworden zu sein. Daß sich in der Wiederherstellung des Gleichgewichts das ärztliche Tun in Selbstaufhebung vollendet, steht aber schon von vornherein.im Blick aller Bemühung. Wie bei dem Erlebnis der Balance die Bemühung auf eine paradoxe Weise darauf ausgeht, sich zu lockern, um das Gleichgewicht sich einspielen zu lassen, so hat auch das ärztliche Bemühen den inneren Bezug auf das Sich-selbst- Einspielen der Natur. Daß sich das Schwanken einer Gleichgewichtslage qualitativ unterscheidet von ihrem endgültigen Verlust, bei dem alles aus den Fugen gerärt, stimmt den Horizont alles ärztlichen Tuns.

Daraus folgt aber: Es ist nicht in Wahrheit ein Hlerste1len von Gleichgewicht, d. h. ein Aufbauen einer neuen Gleichgewichtslage von Grund auf, sondern es ist immer ein Ab- fangen des schwankenden Gleichgewichts. Alle Störung desselben, alle Krankheit, bleibt von unübersehbaren Faktoren des sich noch haltenden Gleichgewichts mitgetragen. Das ist der Grund, warum das Eingreifen des Arztes nicht eigentlich als Machen oder Bewirken von etwas zu verstehen ist, sondern in erster Linie als Stärken der das Gleichgewicht bildenden Faktoren. Sein Eingreifen steht immer unter dem doppelten Aspekt, selber durch den Eingriff einen Störungsfaktor zu bilden oder aber die spezifische Heileinwirkung in das Spiel der balancierenden Faktoren einzufügen. Das scheint mir für das Wesen der ärztlichen Kunst konstitutiv, daß sie mit jenem Umschlag des Zuviel in das Zuwenig oder besser des Zuwenig in das Zuviel vorgängig rechnen muß und ihn gleichsam antizipiert. In der antiken Schrift über die Heilkunst findet sich dafür das schöne Beispiel des Führens der Baumsäge. Wie der eine zieht, so folgt der andere, und das vollendete Führen der Säge bildet einen Gestaltkreis (Weizsäcker), in dem sich die Bewegungen der beiden Sägenden zu einem einheitlichen rhythmischen Fluß der Bewegung verschmelzen. Da steht der bezeichnende Satz, der das Wunderbare solcher Erfahrung von Gleichgewicht andeutet: ,,Wenn sie aber Gewalt anwenden, dann werden sie es ganz verfehlen.“ Sicherlich ist das nicht auf die Heilkunst beschränkt. Alle Meisterschaft des Herstellens kennt etwas davon. Die leichte Hand des Meisters läßt sein Tun als mühelos erscheinen, und das genau dort, wo der Lernende gewaltsam wirkt. Alles Gekonnte hat etwas von der Erfahrung des Gleichgewichts. Aber bei der ärztlichen Kunst bleibt es doch das Besondere, daß es sich hier nicht um die vollendete Beherrschung eines Könnens handelt, das durch das gelingende Werk unmittelbar bewiesen wird. Daher die besondere Behutsamkeit des Arztes, ein bei aller Gestörtheit fortbestehendes Gleichgewicht beachten und sich in das Gleichgewicht des Natürlichen einschwingen zu müssen, wie der Mann mit der Säge. Bezieht .man diese Grunderfahrung auf die Situation der modernen Wissenschaft und der wissenschaftlichen Medizin, so tritt deutlich heraus, wie sich die Problematik hier zuspitzt. Die moderne Naturwissenschaft ist nicht primär Wissenschaft von der Natur als dem sich selbst ausgleichenden Ganzen. Nicht die Erfahrung des Lebens, sondern die Erfahrung des Machens, nicht die Erfahrung des Gleichgewichts, sondern die der planmäßigen Konstruktion liegt ihr zugrunde. Sie ist, weit über den Geltungsbereich der speziellen Wissenschaft hinaus, ihrem Wesen nach Mechanik, Mechané, d. h. kunstvolle Herbeiführung nicht von selbst eintretender Wirkungen. Ursprünglich bezeichnete Mechanik das Sinnreiche einer Erfindung, die alle in Erstaunen setzt. Die moderne, technische Anwendung ermöglichende Wissenschaft versteht sich nicht als eine Ausfüllung der Naturlücken und Einfügung in das natürliche Geschehen, sondern gerade als ein Wissen, in dem die Umarbeitung der Natur in eine menschliche Welt, ja die Wegarbeitung des Natürlichen vermöge einer rational beherrschten Konstruktion leitend ist. Als Wissenschaft macht sie Naturvorgänge berechenbar und beherrschbar, so daß sie am Ende sogar das Natürliche durch das Künstliche zu ersetzen weiß. Das liegt in ihrem eigenen Wesen. Nur so ist die Anwendung der Mathematik und der quantitativen Methoden auf die Naturwissenschaft möglich, weil ihr Wissen Konstruktion ist. Nun lehrt aber unsere Überlegung, daß die Situation der Heilkunst auf eine unaufhebbare Weise an die Voraussetzung des antiken Naturbegriffs gebunden bleibt. Sie ist unter den Wissenschaften von der Natur diejenige, die nie ganz als Technik zu verstehen ist, weil sie ihr eigenes Können immer nur als das Wiederherstellen des Natürlichen erfährt. Sie stellt daher innerhalb der modernen Wissenschaften eine eigentümliche Einheit von theoretischer Erkenntnis und praktischem Wissen dar, eine Einheit, die sich überhaupt nicht als Anwendung von Wissenschaft auf Praxis verstehen läßt. Sie stellt eine eigene Art praktischer Wissenschaft dar, für die im modernen Denken der Begriff abhanden gekommen ist.

Im Lichte dieser Überlegungen gewinnt eine schöne und vieldiskutierte Stelle im platonischen Phaidros ein besonderes Interesse, weil sie die Situation des Arztes, der diese „Wissenschaft“ besitzt, beleuchtet. Plato spricht dort von der wahren Redekunst und stellt sie in Parallele zur Heilkunst. In beiden gilt es, Natur zu verstehen, in der einen die der Seele, in der anderen die des Leibes, wenn man nicht bloß auf Grund von Routine und Erfahrung, sondern aus wirklichem Wissen handeln will. Wie man wissen muß. welche Medikamente und welche Nahrung dem Leibe zuzuführen sind, damit sie Gesundheit und Kraft bewirken, so muß man auch wissen, welche Reden und gesetzlichen Einrichtungen man der Seele zuzubringen hat, damit sie richtige Überzeugung und das rechte Sein (Arete) zustande bringen. Und nun fragt Sokrates seinen von der Rhetorik begeisterten jungen Freund: ,“Glaubst du, daß man die Natur der Seele verstehen kann, ohne die Natur des Ganzen?“ Und daraufhin antwortet ihm dieser: ,,Wenn man Hippokrates, dem Asklepiaden, glauben darf, kann man ohne diese Verfahren ja nicht einmal vom Leib etwas verstehen.“ Die beiden Bestimmungen <Natur des Ganzen> und <dieses Verfahren> (nämlich, die Natur einzuteilen) gehören offenbar zusammen. Die wahre kunstmäßige Rhetorik, die Sokrates hier fordert, wird der wahren Heilkunde darin ähnlich sein, daß sie das mannigfaltige Wesen der Seele, in die sie Überzeugungen einpflanzen soll, kennen muß und ebenso die Mannigfaltigkeit der Reden, die sich für die jeweilige Verfassung der Seele eignen. Das ist die Analogie, die aus dem Blick auf das ärztliche Tun und Können entwickelt wird. Wahre Heilkunde, die ein echtes Wissen und Können einschließt, verlangt also, auseinanderzukennen, was jeweils die Verfassung des Organismus ist und was dieser Verfassung zuträglich ist.

Werner Jaeger hat mit Recht bei der Deutung dieser Stelle die Meinung zurückgewiesen, als ob hier eine besondere, naturphilosophische, von kosmologischen Gesamtideen erfüllte Medizin gefordert werde. Das Gegenteil ist der Fall. Das Verfahren, um das es geht, ist die Methode des Einteilens, der differenzierenden Betrachtung, die die jeweiligen Krankheitserscheinungen in der Einheit eines spezifischen Krankheitsbildes zusammenfaßt und von da eine einheitliche Behandlung ermöglicht. Bekanntlich ist der Begriff der Eides, den wir durch die platonische Ideenlehre kennen, zuerst innerhalb der medizinischen Wissenschaft gebraucht worden. So begegnet er bei Thukydides in einer Krankheitsbeschreibung, in der Schilderung des Krankheitsbildes jener berühmten Pest, die Athen am Anfang des Peloponnesischen Krieges heimsuchte und der schließlich auch Perikles erlag. Die medizinische Wissenschaft ist in ihrer Forschung bis zum heutigen Tage von der gleichen Forderung bestimmt. Die gemeinte Methode des Einteilens ist eben alles andere als eine scholastische Begriffsspalterei. Einteilung ist nicht Herauslösung eines Teiles aus der Einheit eines Ganzen. Sokrates verbietet hier jede isolierende Betrachtung der Symptome und fordert eben damit wirkliche Wissenschaft. Er geht dabei noch über das hinaus, was auch die moderne medizinische Wissenschaft als ihre methodische Grundlage anerkennt. Die Natur des Ganzen, von der her die Rede ist, ist nicht nur das einheitliche Ganze des Organismus. Wir haben ja aus der griechischen Medizin ein reiches Anschauungsmaterial dafür, wie Wetter und Jahreszeit, Temperatur, Wasser und Ernährung, kurz, wie alle möglichen klimatischen und Umweltfaktoren die konkrete Seinsverfassung dessen mit ausmachen, um dessen Wiederherstellung es geht. Der Zusammenhang, in dem die behandelte Stelle steht, läßt aber noch einen weiteren Schluß zu. Die Natur des Ganzen umschließt die gesamte Lebenssituation des Patienten, ja sogar die des Arztes. Die Medizin wird mit der wahren Rhetorik verglichen, welche die rechten Reden in der rechten Weise auf die Seele einwirken lassen soll. Eine höchst ironische Vorstellungsweise. Plato schwebt gewiß nicht vor, es sollte eine solche Kunst der rhetorischen Seelenführung geben, die beliebige Reden zu beliebigen Zwecken einzusetzen und auszunutzen wüßte. Was er meint, ist offenbar, daß es die rechten Reden sein müssen und daß nur der die rechten Reden kennen kann, der die Wahrheit erkannt hat. Nur der also wird der rechte Redner sein, der der wahre Dialektiker und Philosoph ist. Das rückt nun die mit ihr verglichene Heilkunst in ein höchst interessantes Licht. Wie die scheinbare Sonderaufgabe der Rhetorik in das Ganze der philosophischen Lebenshaltung übergeht, so wird es wohl auch bei jenen Mitteln und Behandlungen sein, welche die Medizin dem menschlichen Leibe zubringt, um ihn wiederherzustellen. Insofern stimmt die Parallele von Redekunst und Heilkunst auch darin, daß die Verfassung des Leibes in die Verfassung des Menschen im ganzen übergeht. Seine Stellung im Ganzen des Seins ist nicht nur im Sinne der Gesundheit, sondern in einem umfassenderen Sinne eine balancierte. Krankheit, Verlust des Gleichgewichts, meint nicht nur einen medizinisch-biologischen Tatbestand, sondern auch einen lebensgeschichtlichen und gesellschaftlichen Vorgang. Der Kranke ist nicht mehr der alte. Er fällt aus. Er ist aus seiner Lebenssituation herausgefallen. Doch bleibt er als der, dem etwas fehlt, auf die Rückkehr in sie bezogen. Gelingt die Wiederherstellung des natürlichen Gleichgewichts, so gibt der wunderbare Vorgang der Genesung dem Gesundeten auch das Lebensgleichgewicht zurück, in dem er tätig er selbst war. So ist es kein Wunder, daß umgekehrt der Verlust des einen Gleichgewichts zugleich immer das andere Gleichgewicht gefährdet, ja daß es im Grunde nur ein einziges großes Gleichgewicht ist, in welchem sich das menschliche Leben hält, um das es schwankt und das sein Befinden ausmacht.

In diesem Sinne gilt, was Plato andeutet, daß der Arzt wie der wahre Redner das Ganze der Natur sehen muß. Wie jener aus wahrer Einsicht das rechte Wort zu finden hat, um den anderen zu bestimmen, so muß auch der Arzt über das hinaussehen, was der eigentliche Gegenstand seines Wissens und Könnens ist, wenn er der wahre Arzt sein will. Seine Lage ist daher ein schwer einzuhaltendes Zwischen von menschlich unverbindlichem Berufsdasein und menschlicher Verbindlichkeit. Es macht seine Lage als Arzt aus, Vertrauen zu brauchen und doch auch wieder seine ärztliche Macht beschränken zu müssen. Er muß über den <Fall>, den er behandelt, hinaus auf den Menschen im Ganzen seiner Lebenssituation sehen. Ja, er hat sogar sein eigenes Tun und was es bei dem Patienten wirkt, mitzureflektieren. Er muß sich zurückzunehmen wissen. Denn er darf weder von sich abhängig machen, noch ohne Not Bedingungen der Lebensführung (<Diät>) vorschreiben, die die Wiedereinspielung des Patienten in sein Lebensgleichgewicht verhindern.

 

Was für das Verhältnis des Seelisch-Kranken zu seinem Arzt allgemein bekannt ist und die anerkannte Aufgabe des Psychotherapeuten mit ausmacht, gilt in Wahrheit allgemein. Die ärztliche Kunst vollendet sich in der Zurücknahme ihrer selbst und in der Freigabe des anderen. Auch hier tritt die Sonderstellung der Heilkunst im Ganzen der menschlichen Künste hervor. Daß das, was von einer Kunst hergestellt wird, sich von seiner Entstehung löst und einem freien Gebrauch überantwortet ist, stellt eine Beschränkung dar, die jedem, der eine Kunst und ein Können ausübt, auferlegt ist. Beim Arzt aber wird das gleiche zu einer echten Selbstbeschränkung. Denn es ist kein bloßes Werkstück, das er gemacht hat, sondern es ist Leben, das ihm anvertraut war und das er nun aus seiner Obhut entläßt. Dem entspricht die besondere Lage des Patienten. Der Gesundgewordene, der seinem eigenen Leben zurückgegeben ist, beginnt die Krankheit zu vergessen, aber er bleibt dem Arzt auf eine (meist namenlose) Weise verbunden.

 

 

Koyaanisqatsi

… manchmal denke ich an die in hilfloser Langsamkeit kollabierenden Hochhäuser in Godfrey Reggios Koyaanisqatsi – Film, wie eine leise Klage stellen sich dazu die Tonsequenzen von Philip Glass ein. „Koyaanisqatsi“ ist Hopi und heißt „Leben im Ungleichgewicht“, immer wieder verharrt die Kamera auf der Sollbruchstelle unserer angeblichen Zivilisation, da, wo sich ein Traum umkehrt und in sich zusammenfällt.   Zitat: Susanne Mayer, Die Zeit 2014

KOYAANISQATSI, Regios Debut als Ressigeur und Produzent, ist der erste Film der QUATSI – Trologie. Der Titel ist ein Wort der Hopi Indianer und bedeutet „Leben aus dem Gleichgewicht“. Gemacht zwischen 1975 und 1982, ist der Film eine apokalyptische Schau auf den Zusammenstoss zwei verschiedener Welten  – städtisches Leben und Technologie gegen natürliche Umwelt. Die Musik wurde von Philip Glass komponiert.  (aus der offiziellen Homepage der Quatsi Triologie)

Von den Hopi-Indianern überlieferte Prophezeiung:
„Wenn wir wertvolle Dinge aus dem Boden graben, laden wir das Unglück ein.
Wenn der Tag der Reinigung nah ist, werden Spinnweben hin und her über den Himmel gezogen.
Ein Behälter voller Asche wird vom Himmel fallen, der das Land verbrennt und die Ozeane verkocht.“  (aus Wikipedia „Koyaanisqatsi“)

 Reggio’s debut as a film director and producer, is the first film of the QATSI trilogy. The title is a Hopi Indian word meaning „life out of balance.“ Created between 1975 and 1982, the film is an apocalyptic vision of the collision of two different worlds — urban life and technology versus the environment. The musical score was composed by Philip Glass.

 

 Reggio’s debut as a film director and producer, is the first film of the QATSI trilogy. The title is a Hopi Indian word meaning „life out of balance.“ Created between 1975 and 1982, the film is an apocalyptic vision of the collision of two different worlds — urban life and technology versus the environment. The musical score was composed by Philip Glass.

 

 Reggio’s debut as a film director and producer, is the first film of the QATSI trilogy. The title is a Hopi Indian word meaning „life out of balance.“ Created between 1975 and 1982, the film is an apocalyptic vision of the collision of two different worlds — urban life and technology versus the environment. The musical score was composed by Philip Glass.

 

Der Stand der Dinge

Als ob sie eine Waage wären: Mond und Sonne in der Winterdämmerung, erster Schnee, die Kälte leuchtend, Sonntag nachmittag um vier, der Stand der Dinge ist erreicht. Mehr war nicht zu erreichen als ihr Stand, einmal, als Dunkelheit unter dem zarten Morgenrot emporkroch und der angebrochene Tag wieder verschwand.

Botho Strauss: „Vom Aufenthalt“

Gleichgewicht – Suche nach Halt

Gleichgewicht – Suche nach Halt

Der Prozess des Entstehens, im fließenden Übergang zum Vergehen, ist ohne Anfang und Ende. In diesem Strom treiben die Existenzen und wirbeln durch die Zeit.

Ruhe und Beständigkeit herrschen nur in den mehr oder weniger langen Zuständen der Gleichgewichtigkeit der einwirkenden Kräfte. Hier scheinen die Turbulenzen beruhigt und zum Stillstand gekommen zu sein. Diese Periode erzeugt ein Gefühl von Sicherheit.

Die bewegenden Kräfte sind immer noch aktiv vorhanden. Gegeneinander wirkend, egalisieren und stabilisieren sie sich jedoch. Um die Periode der Stabilität und Sicherheit zu verlängern muss permanente Anstrengung aufgebracht werden. Jeder überhandnehmenden Kraft muss eine verstärkte Gegenkraft entgegengesetzt werden.

Der Halt und die damit verbundene Sicherheit sind nichts Festes. Die gegeneinander wirkenden Kräfte können jederzeit wieder in turbulente, chaotische, haltlose Bewegungen kommen.

Der gotische Turm – eine vertikale Waage

 Beim gotischen Turmbau wurden die Kräfte der Statik, des Lastenden und Tragenden, des Schweren und Gestützten, die Eigenschaften des Materiellen, bis an die maximalen Grenzen benutzt, um möglichst weit vertikal nach oben bauen zu können. Dieser enorme Aufwand wurde betrieben um über die höchste Ausdehnung, den äußersten Punkt, Kontakt zur überirdischen Welt, zur göttlichen Sphäre zu erreichen. In diesem anderen Raum sollte die Idealvorstellung, das „himmlische Jerusalem“ entstehen.

So kann die gotische Idee als das Bild einer vertikalen Waage begriffen werden, auf deren einen unteren Seite sich das Irdische befindet und auf der anderen oberen Seite das himmlische, göttliche Jenseitige.

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Ulmer Münster red

Spitze des Ulmer Münster-Turmes

Der Gratwanderer

 

Der Gratwanderer I

die Angst rechts nach unten zu schauen,

die Angst links nach unten zu schauen,

die Angst sich umzudrehen,

die Angst weiterzugehen

 

 Der Gratwanderer II

Der Wanderer im Hochgebirge,

beim Überschreiten des Felsgrats,

hält sich an dem ihn umgebenden Nebel fest.

 

Der Gratwanderer III

Stehend auf dem Felsgrat,

im Schwindel des Blicks in die Tiefe,

schaut er nur auf den vor ihm liegenden Stein.

 

Der Gratwanderer IV

Seine schweren Schritte kleben an dem schmalen Steg über den Abgründen.

Eine Dohle landet mühelos auf dem äußersten Felsrand.

 

Dohle 1

Dohle 2

zum Vergrößern der Abbildungen bitte auf das Bild klicken

Was verändert Augen mehr, von außen ein anderes Licht oder von innen eine andere Stimmung?

Ein liebender Mann. Martin Walser, Rowohlt Verlag 2008

Kürzeres Quaken

Heute quaken Frösche in Puerto Rico anders als in den achtziger Jahren. Der Vergleich von damaligen Tonbandaufnahmen mit aktuellen Daten zeigt, dass der Balzruf von Eleuthereodactylus coqui mittlerweile kürzer und in einer höheren Frequenz ertönt. Als Ursache vermuten die Forscher um Peter Narins von der University of Los Angeles den Klimawandel. Aufgrund höherer Temperaturen hätten die Frösche ihre Körpergröße verringert, schreiben die Forscher in den Proceedings of the Royal Society. Dadurch sei auch das Quaken beeinflusst worden. Weil die kleineren Frösche zu einer insgesamt geringeren Biomasse führt, so fürchtet Narins, könnte sogar die Nahrungskette des Regenwaldes aus dem Gleichgewicht gebracht werden.

(aus: DIE ZEIT, 10.4.2014)

 

Gleichgewicht menschlich-animalisch: der Löwenmensch

Gleichgewicht von Animalischem und Menschlich-Geistigem. Der Mensch mit Tiernatur:

der „Löwenmensch“ , eine der ältesten Skulpturen weltweit, ca 40 000 Jahre alt, Mammutelfenbein, ca 31 cm hoch, gefunden in der Hohlenstein – Höhle im Lonetal bei Ulm, jetzt im Ulmer Museum

Schon am Beginn unserer menschlichen Kultur wurde der Mensch als von zwei Kräften bestimmt gesehen: Menschnatur und Tiernatur. Der „Löwenmensch“ zeigt diese Dualität. Ich sehe den Menschen immer noch davon beherrscht. Da hat sich in den 40 000 Jahren grundsätzlich nicht viel geändert. Die Entwicklung der Kultur ist der Versuch das Tierische im Menschen durch ein geistiges Gegengewicht zu zähmen. Wird dieses Gegengewicht nicht gepflegt kommt wieder die Bestie durch.

So ist die erste plastische menschliche Darstellung immer noch aktuell. Dieser Steinzeitkünstler hat die wesentliche Problematik des Menschseins erfasst und permanent gültig dargestellt. Der „Löwenmensch“: nicht nur die älteste , sondern auch die bedeutendste Darstellung des Menschen.

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Foto: Ulmer Museum

Link

Liest man den Titel des Artikels aus Spiegel Online „Eric Schmidt: Google-Manager bekommt 106 Millionen Dollar Bonus“, fragt man sich, ob solch große Gehaltssummen für „Verdienste im Unternehmen“ gerechtfertigt und sinnvoll sind – für mich auch eine Frage des Gleichgewichts, eine Frage der Verteilung von Ressourcen. Es steht außer Frage, dass jeder für seine Leistungen entlohnt werden soll und dass Menschen in Führungspositionen mit hoher Verantwortung dies anders entlohnt bekommen als andere, aber 106 Mio. Dollar…?

Das Bild des Gleichgewichts

Das Bild einer Waage

Zwei gleich schwere Dinge erzeugen, jeweils auf die beiden Seiten einer Waage gelegt, eine ausgeglichene Balance. Das Gleichgewicht erzeugt Ausgleich und Ruhe.

Eine einfache Waage bewegt sich nur in einer (senkrechten) Ebene, links rechts, unten oben.

Das Ungleichgewicht entsteht durch die Mehrbelastung einer Seite. Diese wird nach unten gedrückt und verharrt dort.

Das Bild eines komplexen Systemes

Viele unterschiedliche Dinge und Wirkungen beeinflussen sich, oft zeitlich verschoben, manchmal unerwartete Reaktionen hervorbringend. Das Gleichgewicht ist ein laufender Prozess von Veränderung und Bewegung.

Das Ungleichgewicht entsteht durch extremer werdende Beeinflussungen und dadurch chaotisch werdende Reaktionen und Turbulenzen, die nicht mehr beruhigt werden können und immer mehr zum Kollaps des Systems führen.

Die zwei Zustände des Gleichgewichts

Die zwei Zustände des Gleichgewichts

die Kugel liegt zentriert auf der Bergspitze

oder

die Kugel liegt im Tal

Auf der Spitze kann die Kugel nur mit äußerster Anstrengung gehalten werden.

Die Tragik des Scheiterns ist absehbar.

Die Kugel ruht im Tal:

der endlos ohnmächtige Zustand nach dem Absturz

Dazwischen ist die Zeit der Bewegung, des Hinabrollens,

vielleicht die kurze Spanne des Glücks.

Nur ein Sisyphus kann einen neuen Versuch wagen.

Veränderungsprozesse

In der aktuellen Ausgabe (4.Oktober 2012) der Wochenzeitung „Die Zeit“ habe ich den Artikel über den Klimawandel „Der große Selbstbetrug“ gelesen. Hier wird beschrieben, dass das Ziel die Erderwärmung auf zwei Grad zu beschränken nahezu nicht erreichbar ist, sondern sich die Erde um 4 Grad mehr bis zum Ende des Jahrhunderts aufheizt. „Die wichtigste Voraussetzung menschlicher Zivilisation – dass es nämlich eine natürliche Umgebung gibt, auf die man sich einstellen kann – ist in einer Vier-Grad-Welt nicht erfüllt. Jahreszeiten, Vegetationsmuster, Küstenlinien ändern sich, nicht nur einmal, sondern fortwährend, wahrscheinlich für Jahrhunderte. Der Meeresspiegel steigt schnell. Wälder, sowohl in den Tropen als auch in der nördlichen Hemisphäre, machen Steppen oder Wüsten Platz und setzen dabei gewaltige Mengen Kohlendioxid frei, das den Klimawandel weiter beschleunigt. Dazu kommen unberechenbare Veränderungen der Meeresströmungen in Atlantik und Pazifik mit unabsehbaren Folgen – nicht nur, aber auch für die Temperatur in Europa.“ “ Auch im günstigsten Fall dürfte es Millionen von Menschen das Leben kosten.“

„Der Streit um den Klimaschutz ist ein gesellschaftlicher Konflikt, es geht um Kraftwerke, Verkehrsmittel, Siedlungsstrukturen, es geht um Wachstum und Verzicht, überall stehen Ökoreformer gegen Vertreter des Weiter-so-ähnlich.“

Das bestehende Gleichgewicht ist schon zu gestört und die weiteren zusätzlichen Belastungen des Klimasystems werden nur durch äußerste, kaum zu vollbringende globale Anstrengungen, genügend zu reduzieren sein.

Wir erkennen zu spät, wann ein komplexes System sich stark ändert, obwohl es schon lange Vorwarnungen gab.

Nur durch massives Gegensteuern kann der extreme Ausschlag verhindert werden. Um die Situation zu erkennen und eine längerfristige Verhaltensveränderung zu bewirken ist jedoch ein entsprechendes Bewußtsein des Einzelnen wie der Staatengemeinschaften erforderlich.

Und die Veränderungsprozesse laufen…

Zitat von Piet Mondrian

eingereicht von Anna-Sopfia von Riedesel

«Kunst ist nur ein Mittel, um dieses ewige Gleichgewicht zu erreichen. Wir müssen ein konkretes Gleichgewicht entdecken und schaffen. Wissenschaft, Philosophie, alle abstrakten Schöpfungen, wie die Kunst, sind Mittel, um dieses Gleichgewicht zu erreichen.»

„Gleichgewicht“ bei Friedrich Schiller

eingereicht von Dr. Hermann Schmidt

Friedrich Schiller:
Einen bemerkenswerten Hinweis auf die Frage nach dem Gleichgewicht gibt Friedrich Schiller im 20. Brief seiner Schrift Über die ästhetische Erziehung des Menschen. Dort heißt es: „Die Schalen einer Wage stehen gleich, wenn sie leer sind; sie stehen aber auch gleich, wenn sie gleiche Gewichte enthalten.“
Dem Bild von der Waage im Gleichgewicht geht im 19. Brief eine Analyse des Spieltriebs voraus, der sich aus der Dynamik des Widerspruchs von Stofftrieb und Formtrieb entwickelt. Im ästhetischen Zustand des Spieltriebs sieht Schiller den Ursprung der Freiheit des Menschen angesiedelt. Dabei erinnert Schiller in diesem Zusammenhang nochmals an den Menschen als ein Wesen, das sich durch den sinnlichen und vernünftigen Trieb bestimmt. Stehen sich beide gleich stark gegenüber ergibt sich eine Balance, in der sich der Spieltrieb entfalten kann.
Wenn Schiller dann im 20. Brief das Bild von der Waage gebraucht gelingt ihm eine vertiefende Einsicht der Balance der widersprüchlichen Triebe, die ihn zu einer Definition des Ästhetischen führt. Im Gegensatz zu anderen Vermögen des Menschen, beispielsweise zu physischen, logischen und moralischen Beziehungen des Gemüts auf eine Sache, vermittelt das Bild des Gleichgewichts, dass im ästhetischen Zustand alle Gemütskräfte – die sinnlichen wie auch die vernünftigen – gleichzeitig und gleichermaßen angesprochen sind. Auf diese Weise ist der ganze Mensch betroffen, sodass sich das Gemüt völlig frei zwischen allen Möglichkeiten bewegen kann. Schiller spricht in diesem Sinne vom ästhetischen Zustand als einer „freien Stimmung“ und charakterisiert sie zugleich als eine „erfüllte Unendlichkeit.“ – Unendlich, weil hier alle Möglichkeiten gegeben und alle Wege offen stehen, allerdings unter der Voraussetzung eines aufrecht zu erhaltenen Gleichgewichts.

Komplexe Systeme

Nichts ohne das Andere

wie uns komplexe Systeme beeinflussen

Objekte, die erst durch das komplexe Zusammenspiel der Einzelteile ihr Aussehen und Funktion bekommen und bei denen die Veränderung eines Teiles das Ganze wesentlich verändert, haben mich schon lange Zeit interessiert. So sind auch viele meiner künstlerischen Arbeiten aufgebaut.

In verschiedenen Artikeln in Zeitungen und Zeitschriften habe ich sporadisch immer wieder über die Untersuchungen im naturwissenschaftlichen Bereich von komplexen Systemen gelesen. Besteht zwischen dem vermehrten Auftauchen dieses Begriffes und meiner künstlerischen Arbeit ein Zusammenhang?

Wie jeder erfahren hat, entstehen in immer rascherer Abfolge globale Veränderungen. Manche sind plötzlich da, andere entstehen langsam, beginnen kaum merklich.

Wer hätte noch vor kurzem geglaubt, dass in Nordafrika solche politische Umwälzungen stattfinden? Soziale und politische Spannungen und Unzufriedenheit waren wohl schon länger vorhanden. Durch eine neue von außen kommende Möglichkeit wurden die Revolutionen ausgelöst und ermöglicht: durch das neue Kommunikationsmittel Internet. Es war jetzt möglich, schnell und weiträumig Informationen auszutauschen und sich zu verabreden. Damit hatte niemand gerechnet.

Unerwartet, auch von Fachleuten, wurden wir vor nicht all zu langer Zeit von einer weltweiten Wirtschaftskrise überrascht.

Ein weiteres Beispiel: Ein hochkompliziertes System, auch mit großen Sicherheitsvorkehrungen, die Atomkraftwerke in Fukushima in Japan, wurden durch einen unerwarteten Auslöser, durch ein Erdbeben mit Tsunami, zum Kollaps gebracht. Dabei wurde offensichtlich, so zeigten es die Nachrichten, dass niemand mehr wusste was in den Reaktoren passierte.

Manche großräumige Veränderungen vollziehen sich zunächst langsam, haben jedoch um so markantere Auswirkungen, wie die globale, von Menschen verursachte Klimaerwärmung. Dadurch breiten sich unter anderem Wüstengebiete aus. Die dort lebende Menschen finden kein Auskommen mehr und ziehen weg. Migrationsdruck entsteht.

Die Erforschung der Dynamiken und Wechselwirkungen von komplexen Systemen ist ein relativ neues Forschungsgebiet der verschiedenen Wissenschaften und auch deren interdisziplinären Verbindungen. Dies erforschen z.B. das „Max Plank – Institut für Physik komplexer Systeme“ oder das „interdisziplinäre Zentrum für komplexe Systeme“ der Universität Bonn, um nur zwei zu nennen.

Was ist nach wissenschaftlicher Vorstellung ein komplexes System?

Verschiedene Einzelteile stehen miteinander in einer Wechselwirkung und beeinflussen sich gegenseitig. z.B. Wassermoleküle im Wasser oder im sozialen Bereich Vater, Mutter, Kinder und das Komplexe: die Familie.

Komplexe Systeme sind meist auch offene Systeme. Sie stehen mit ihrer Umwelt in aktiver Verbindung und tauschen Energie mit ihr aus, z.B. erhält der Ozean Einträge durch die Zulaufflüsse und er gibt wieder Wasserdampf an die Atmosphäre ab.

Diese Systeme haben Mechanismen zur Bildung stabiler Strukturen durch Selbstorganisation. Diese können in der Lage sein Informationen zu verarbeiten und sogar daraus zu lernen.

Selbsregulierende Kräfte können Gleichgewicht und Balance verstärken und so stabilisierend wirken.

Jedoch besteht auch die Möglichkeit, dass minimale Veränderungen in den Anfangsbedingungen oder kleine Störungen zu völlig unterschiedlichen Entwicklungen und Ergebnissen führen können. In manchen Bereichen können die Anfangsbedingungen nicht genau bestimmt werden, weil sie nicht exakt genug messbar sind oder weil sie sich der Bestimmbarkeit überhaupt entziehen. Aus der Chaosforschung, die solche offenen Entwicklungen mathematisch dargestellt hat, ist dies als „Schmetterlingseffekt“ bekannt geworden. In bestimmten fragilen Situationen kann sogar der minimale Einfluss eines Schmetterlingflügelschlags zu der langfristigen Veränderung des Wetters führen.

Die Abfolge der Ereignisse kann, durch unterschiedliche Faktoren bedingt, in ein Verhalten kommen, das nicht mehr vorhersagbar und klar berechenbar ist. Es kommt zu einem chaotischen Verhalten. Es bestehen immer wieder verschiedene nahezu gleichwertige, jedoch unterschiedliche Möglichkeiten der Weiterentwicklung.

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In komplexen Systemen erscheint Emergenz. Durch das Zusammenwirken der Einzelteile können für das Ganze unerwartete neue Eigenschaften auftreten. Untersucht man die Einzelteile, so kann man daraus nicht auf die Möglichkeiten des Gesamten schließen. Gas besitzt „Druck“ und „Temperatur“. Die einzelne Moleküle sind ohne diese Eigenschaft. Oder: aus der neurologischen Untersuchung des Gehirns kann man nicht auf das Vorhandensein eines Bewusstseins schließen. Oder: Aus der Betrachtung eines Fingers kann man nicht die Greiffähigkeit der ganzen Hand erkennen. Das Ganze ist mehr als die Einzelteile. Eigenschaften der makroskopischen Welt können nicht durch Eigenschaften der mikroskopischen Welt erklärt werden. Neue Verbindung von Einzelteilen können nicht vorhersagbare Eigenschaften, Zustände und Verhalten hervorbringen.

Betrachtung Komplexer Systeme in den verschiedensten Wissenschaftsbereichen:

In der Physik wird zum Beispiel das Verhalten von Atomen untersucht, die durch Selbstorganisation kleinste Verbindungen herstellen. So können im Computerbau , wo immer winziger werdenden Bauteile durch keine Maschine mehr gefertigt werden können, diese produziert werden.

In der Biologe wird das ökologische Zusammenleben von Populationen mit den Strukturen offener komplexer Strukturen betrachtet, wie das Wechselverhalten von Raubtier- und Beutetierpopulationen.

In den Wirtschaftswissenschaften wird von einer gewissen Selbstorganisation von Angebot und Nachfrage ausgegangen. Jedoch können die verschiedensten Einflüsse, wie Spekulationen oder plötzlich änderndes Konsumverhalten darauf einwirken.

Weiter Forschungsgebiete der komplexen Systeme sind in der Chemie, der Wetterkunde, den neuen Medien, dem Internet, bei der Suche nach künstlicher Intelligenz. Auch in der Soziologie, der Medizin, der Neurologie, der Psychologie werden Abläufe mit dieser Methode betrachtet. Die Mathematik versucht entsprechende Formeln dazu mit nichtlinearen Differentialgleichungen zu modellieren. Es gibt wohl mittlerweile kein Gebiet, das nicht in dieser Weise betrachtet wird.

Der Mensch selbst ist, wie wir wissen und laufend auch an uns selbst feststellen, ein komplexes System.

Schon bei seiner Entwicklung können kleinste Veränderungen in der DNA zu einer anderen Persönlichkeit führen.

Wir sind in ständigem Austausch mit unserer Umwelt verbunden. Einflüsse in einem Bereich können sich woanders auswirken. Wird jemand im sozialen Bereich gemobbt, so können dadurch neben psychischen Beeinträchtigungen auch körperliche Krankheiten auftreten.

Wir sind eingebunden in Kreisläufe der Natur und Zeitrhythmen, die durch kosmische Bewegungen vorgegeben sind. Die Sonne gibt Tag und Nacht und die Jahreszeiten vor.

In der analytischen Betrachtung der klassischen Naturwissenschaft wird das Ganze in immer kleinere Einheiten zergliedert um dieses zu untersuchen und zu verstehen.

Pierre Simon de Laplace (1747 – 1827) meinte Anfang des 19. Jahrhunderts die Natur berechnen zu können, wenn alle Kraftgesetze und Anfangsbedingungen bekannt sind. Dieser Glaube hielt sich bis lange ins 20.Jahrhundert.

Jedoch wurde im Bereich der Naturwissenschaften mittlerweile erkannt, dass es Grenzen des Erfassens dieser kleinsten Bereiche gibt, wie es in der Quantenphysik die Heisenbergsche Unschärferelation darstellt.

Dieses rein deterministische, konstruktive Weltbild ist durch das naturwissenschaftliche Erkennen von emergententen Phänomenen und dem oft chaotischen Verhalten komplexer Systeme überholt. Der Anspruch auf die Berechenbarkeit und Konstruierbarkeit der Welt besteht nicht mehr in dieser Weise. Die Wissenschaft rechnet jetzt mit Wahrscheinlichkeiten, Unbestimmtheiten und chaotischen Entwicklungen. Die reduktionistische atomisierende Methode der Naturwissenschaft hat sich umgedreht.

Methoden der asiatischen Philospphie die Komplexitäten der Welt zu erfassen

Schon vor über 2000 Jahren beschäftigte sich die asiatische Philosophie mit der Betrachtung des menschlichen Verhaltens als Teil eines höchst komplexen wechselwirkenden Systems von Natur und sozialer Umgebung. Dabei wurde versucht die oft undurchschaubaren, nicht logisch zu begreifenden Abläufe doch in ihren überraschenden Veränderungen zu erfassen. Das „I Ging“, das „Buch der Wandlungen“, ein Orakelbuch, das dem taoistischen Gedankengut zugerechnet wird, kann man als eine frühe Beschreibung von Wechselfällen des Lebens sehen. Es bietet eine Handlungsanweisung das Gleichgewicht zwischen Erde, Himmel und Mensch wieder herzustellen. So vertraut auch Laotse auf eine gewisse natürliche Selbstorganisation, wenn er sagt: „die Dinge hervorbringen aber nicht beherrschen“.

Im Zen-Buddhismus wird die Aufgabe gestellt über einen absurden Satz zu meditieren, wie: „stell dir das Klatschen mit einer Hand vor“. Diese intensive Meditation soll den eigenen Bewußtseinszustand und das Erkennen der Welt ändern. Meines Erachtens ist dies eine Methode die normalerweise für unseren Verstand nicht zu begreifende Emergenz zu erfassen. Schon auf der unteren Ebene, der Ebene der Einzelteile, also der Ebene der einen Hand, muss die nächste komplexe Ebene, die der Möglichkeit der zwei Hände, das Klatschen, erfasst werden. Eine Unmöglichkeit für das logisch kausale additive Denken.

Erst durch das Loslassen des logischen Denkens und dem inneren Erkennen von Ganzheitlichkeit kann das Komlexe direkt erkannt werden.

Intuition und Kunst als Möglichkeit komplexe Bereiche zu erfassen

„Intuition“ wird umgangssprachlich als „Bauchgefühl“ bezeichnet. Warum soll dieses Gefühl gerade aus dem Bauch kommen? Der Bauch ist die Mitte des Körpers. Die Mitte ist dort, wo alles von außen kommende zusammenläuft. Wie bei einem Rad, bei dem sich die großen Bewegungen des äußeren Kreises über die Speichen auf die Nabe konzentrieren.

Wir sind so untrennbar mit den verschiedenen komplexen Lebensabläufen verbunden, dass wir diese ununterbrochen erfahren, diese uns geradezu bedingen. Meist reagieren wir darauf unbewusst, intuitiv.

Ein ausgestreckter Arm erfordert eine Gegenbewegung des ganzen Körpergewichtes. So können wir aufrecht bleiben ohne umzufallen. Der Körper hält die Spannung der Balance. Mit rein rationalen Überlegungen dazu wären wir überfordert.

Intuition ist vielschichtiges Wahrnehmen um komplexe Zustände zu erfassen, die über die Möglichkeiten der Informationsverarbeitung des rein logischen Verstandes hinausgeht.

In einer Welt, die alles quantifizieren und messen will, mathematische Formeln für alle Entscheidungen anwenden und vorgeben will, verkümmert die individuelle Fähigkeit intuitives Handelns und das Vertrauen in diese Möglichkeit schwindet.

Ich denke, dass intuitive Fähigkeiten auch gestärkt werden können – wie?

Proportionen und Relationen machen das innere Gefüge eines Gebildes aus.Und genau dies, die richtigen Proportionen und Relationen für eine Darstellung zu finden, ist die Absicht und Aufgabe der Kunst.

Wir merken es sofort, wenn bei einem Musikstück „falsche“ Töne gespielt werden.

Für die Kunst ist immer die Beschäftigung mit den Ereignissen einer Zeit die Ausgangslage. Es geht nur so. Der Künstler kann nur von dem ausgehen, das er selbst erfahren und erlebt hat. Er reagiert, auf Grund seiner besonderen Sensibilität, auf ihm bedeutend erscheinende Situationen. Dies sind oft Situationen, in denen eine Veränderung stattfindet. Dies kann eine Entwicklung zum Entstehen von Neuem sein oder auch ein drohendes Chaos.

Der Künstler versucht die Strukturen aus diesem allgemeinen Geschehen zu erfassen und zu extrahieren. Diese formuliert er in einem Musikstück, in einem Bild, in einem Objekt, in einem Gedicht. Die künstlerische Methode ist eine ganzheitliche und entzieht sich der rationalen Erklärbarkeit.

Die Kunst kann Menschen berühren. Der Betrachter, der sich auf ein Kunstwerk einlässt, und der davon berührt wird, wird diese Strukturen sozusagen benutzen können, um seine eigenen Erlebnisse zu interpretieren oder neu sehen zu können. Das intuitive Erfassen der fragilen Bereiche von Gleichgewicht und Balance, von Ruhe und Chaos, von Erschöpfung und Spannung wird dadurch gestärkt.

Vielleicht können so auch Lösungen gefunden und Modelle entwickelt werden, wie eine Balance innerhalb dem Spannungsgefüge erreicht werden kann.

Dies sehe ich als Aufgabe meiner künstlerischen Arbeit.

Ich bin der Ansicht, dass die Intuition der Kunst als Gegengewicht zum rationalen Erfassen nötig ist.

Nichts ohne das Andere