„Fest im Sattel sitzen“

„Fest im Sattel sitzen“

Die Veränderung der„Gleichgewichtssituation“ bei historische Reiterstandbilder und den Reiterskulpturen von Marino Marini

„Er sitzt fest im Sattel“, er hält die Zügel fest in der Hand, er beherrscht die Situation, nichts und niemand kann ihn gefährden, nichts kann ihn aus dem Gleichgewicht bringen Hoch zu Ross sitzt der Reiter. Der Mensch dominiert und lenkt das Tier. Pferd und Reiter sind eine sichere Einheit.

Der Reiter verschafft sich, sitzend auf dem Pferd, einen stabileren Stand, auf vier anstatt nur auf zwei Beinen. Sitzend auf dem Pferd thront er über dem Fußvolk.

Herrscher und mächtige Männer aller Zeiten haben sich in Reiterstandbilder darstellen lassen. Das beherrschte Pferd kann man durchaus als Stellvertretersymbol für das Volk, für die Untertanen sehen. Um den Ausdruck der sicheren enthobenen Beherrschung nochmals zu steigern, wurden diese Standbilder meist noch auf hohe Sockel gestellt. Daran ist der hierarchische Aufbau der entsprechenden Gesellschaft ablesbar, der so Stabilität, Festigkeit und sichere Macht vermitteln soll – nichts soll im Wanken sein.

Beispiele dazu:

Reiterstandbild Marc Aurel, Kapitol, Rom

Reiterstatue von Mark Aurel, 2.Jahrhundert, Rom

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Feldherr Bartolomeo Colleoni von Andrea del Verocchio, 1496, Venedig

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Friedrich der Große von Christian Daniel Rauch, 1851, Berlin

 

Nach dem 2. Weltkrieg ist diese hierarchische Gesellschaftsordnung in Europa zusammengebrochen. Die Macht der Monarchen und Diktatoren ist gebrochen und gestürzt. Eine neue demokratische Gesellschaftsstruktur entsteht.

Dazu: gesprengte Reiterstatue Mussolini in Waidbruck, Südtirol

Mussolinidenkmal in Waidbruck red2

 

Der italienische Künstler Marino Marini gestaltet nun völlig neue Darstellungen des Verhältnisses Pferd und Reiter.

Bei der Bronzeskulptur „der kleine Reiter“ sitzt der Reiter auf einem Pferd mit massigem Körper und zerbrechlich wirkenden Beinen. Er sitzt mit abgestreckten Armen und versucht so seinen Halt zu balancieren.

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In einer weiteren Reiterskulptur von Marini aus dem Jahr 1953 bäumt sich das Pferd, mit dem Hinterteil schon am Boden, senkrecht auf. Der Reiter scheint sich noch in einer, so nicht mehr möglichen, rechtwinkligen Sitzhaltung zum Pferd waagrecht zu halten. Das Gleichgewicht ist verloren, im nächsten Augenblick wird er rücklings zu Boden fallen.

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In den Jahren 1959-60 entsteht „Mirakulo“. Das Pferd ist vornüber zusammengebrochen. Der armlose, hilflose Mensch versucht sich noch an den Pferdekörper zu schmiegen. An diesem wird er abrutschen.

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Bei „Der Schrei“, drei Jahre später, ist das Pferd dramatisch zusammengebrochen. Der Reiter liegt am Boden. Die Einzelteile der beiden Körper lösen sich in kantige Massen auf. Diese bleiben jedoch miteinander verhaftet. Sie bilden eine neue untrennbare Gesamtform.

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Das Verhältnis, das Gleichgewicht von Pferd und Reiter hat einen neuen Zustand, eine neue Qualität erreicht.

 

 

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