Erfahrung des Gleichgewichts

Auf diesen Text hat Prof. Dr. Jürgen Aschoff aufmerksam gemacht:

Hans-Georg Gadamer

Über die Verborgenheit der Gesundheit, 1991

Apologie der Heilkunst

…. Ich möchte das hier vorliegende Verhältnis am Begriff des Gleichgewichts und durch die Erfahrung des Gleichgewichts interpretieren. Das ist ein Begriff, der schon in den hippokratischen Schriften eine große Rolle spielt. In der Tat liegt es nicht nur bei der Gesundheit des Menschen nahe, sie als einen natürlichen Gleichgewichtszustand aufzufassen. Der Begriff des Gleichgewichts bietet sich für das Verständnis der Natur überhaupt im besonderen Maße an. Bestand doch die Entdeckung des griechischen Naturgedankens in der Erkenntnis, daß das Ganze eine Ordnung ist, die alle Vorgänge in der Natur in festen Abläufen sich wiederholen und verlaufen läßt. Natur also ist etwas, das sich gleichsam selbst und von selbst in seinen Bahnen hält. Das ist der Grundgedanke der jonischen Kosmologie, in dem alle kosmogonischen Vorstellungen ihre Erfüllung finden, daß am Ende die große Ausgleichsordnung des wechselnden Geschehens wie eine natürliche Gerechtigkeit alles bestimmt.

Setzen wir diesen Naturgedanken voraus, dann ist ärztliches Eingreifen als ein Versuch zu bestimmen, gestörtes Gleichgewicht wiederherzustellen. Darin besteht das eigentliche „Werk“ der ärztlichen Kunst. Fragen wir uns daher, wie sich Wiederherstellen von Gleichgewicht von allem sonstigen Herstellen unterscheidet. Ohne Zweifel ist es eine Erfahrung sehr eigener Art, die wir alle kennen. Die Wiederfindung des Gleichgewichts begegnet genau wie sein Verlust in der Weise eines Umschlags. Es ist eigentlich kein wahrnehmbarer kontinuierlicher Übergang vom einen in das andere, sondern ein plötzliches Verändertsein, ganz anders als der uns sonst vertraute Prozeß des Herstellens, in dem Baustein zu Baustein gefügt und Schritt für Schritt die geplante Veränderung ausgeführt wird. Es ist das Erlebnis der Balance, ,,wo sich das reine Zuwenig unbegreiflich verwandelt -, umspringt in jenes leere Zuviel“. So drückt Rilke die Artistenerfahrung der Balance aus. Was er beschreibt, ist dies: die angestrengte Bemühung um die Herstellung und das Halten des Gleichgewichts erweist sich in dem Moment, in dem die Balance gelingt, plötzlich als das Gegenteil dessen, was sie zu sein schien. Es war nicht ein Zuwenig an Kraft und Einsatz von Kraft, sondern ein Zuviel, das sie verfehlen ließ. Mit einem Schlage geht es wie von selber, leicht und mühelos.

 

Es gilt in der Tat für jede Herstellung von Gleichgewicht, daß diese Erfahrung sie begleitet. Der an der Herstellung des Gleichgewichts Arbeitende wird gleichsam zurückgestoßen von dem sich selbst Haltenden und Genügenden. Wir kennen das im ärztlichen Tun als die eigentliche Weise seines Erfolges, sich selbst aufzuheben und entbehrlich geworden zu sein. Daß sich in der Wiederherstellung des Gleichgewichts das ärztliche Tun in Selbstaufhebung vollendet, steht aber schon von vornherein.im Blick aller Bemühung. Wie bei dem Erlebnis der Balance die Bemühung auf eine paradoxe Weise darauf ausgeht, sich zu lockern, um das Gleichgewicht sich einspielen zu lassen, so hat auch das ärztliche Bemühen den inneren Bezug auf das Sich-selbst- Einspielen der Natur. Daß sich das Schwanken einer Gleichgewichtslage qualitativ unterscheidet von ihrem endgültigen Verlust, bei dem alles aus den Fugen gerärt, stimmt den Horizont alles ärztlichen Tuns.

Daraus folgt aber: Es ist nicht in Wahrheit ein Hlerste1len von Gleichgewicht, d. h. ein Aufbauen einer neuen Gleichgewichtslage von Grund auf, sondern es ist immer ein Ab- fangen des schwankenden Gleichgewichts. Alle Störung desselben, alle Krankheit, bleibt von unübersehbaren Faktoren des sich noch haltenden Gleichgewichts mitgetragen. Das ist der Grund, warum das Eingreifen des Arztes nicht eigentlich als Machen oder Bewirken von etwas zu verstehen ist, sondern in erster Linie als Stärken der das Gleichgewicht bildenden Faktoren. Sein Eingreifen steht immer unter dem doppelten Aspekt, selber durch den Eingriff einen Störungsfaktor zu bilden oder aber die spezifische Heileinwirkung in das Spiel der balancierenden Faktoren einzufügen. Das scheint mir für das Wesen der ärztlichen Kunst konstitutiv, daß sie mit jenem Umschlag des Zuviel in das Zuwenig oder besser des Zuwenig in das Zuviel vorgängig rechnen muß und ihn gleichsam antizipiert. In der antiken Schrift über die Heilkunst findet sich dafür das schöne Beispiel des Führens der Baumsäge. Wie der eine zieht, so folgt der andere, und das vollendete Führen der Säge bildet einen Gestaltkreis (Weizsäcker), in dem sich die Bewegungen der beiden Sägenden zu einem einheitlichen rhythmischen Fluß der Bewegung verschmelzen. Da steht der bezeichnende Satz, der das Wunderbare solcher Erfahrung von Gleichgewicht andeutet: ,,Wenn sie aber Gewalt anwenden, dann werden sie es ganz verfehlen.“ Sicherlich ist das nicht auf die Heilkunst beschränkt. Alle Meisterschaft des Herstellens kennt etwas davon. Die leichte Hand des Meisters läßt sein Tun als mühelos erscheinen, und das genau dort, wo der Lernende gewaltsam wirkt. Alles Gekonnte hat etwas von der Erfahrung des Gleichgewichts. Aber bei der ärztlichen Kunst bleibt es doch das Besondere, daß es sich hier nicht um die vollendete Beherrschung eines Könnens handelt, das durch das gelingende Werk unmittelbar bewiesen wird. Daher die besondere Behutsamkeit des Arztes, ein bei aller Gestörtheit fortbestehendes Gleichgewicht beachten und sich in das Gleichgewicht des Natürlichen einschwingen zu müssen, wie der Mann mit der Säge. Bezieht .man diese Grunderfahrung auf die Situation der modernen Wissenschaft und der wissenschaftlichen Medizin, so tritt deutlich heraus, wie sich die Problematik hier zuspitzt. Die moderne Naturwissenschaft ist nicht primär Wissenschaft von der Natur als dem sich selbst ausgleichenden Ganzen. Nicht die Erfahrung des Lebens, sondern die Erfahrung des Machens, nicht die Erfahrung des Gleichgewichts, sondern die der planmäßigen Konstruktion liegt ihr zugrunde. Sie ist, weit über den Geltungsbereich der speziellen Wissenschaft hinaus, ihrem Wesen nach Mechanik, Mechané, d. h. kunstvolle Herbeiführung nicht von selbst eintretender Wirkungen. Ursprünglich bezeichnete Mechanik das Sinnreiche einer Erfindung, die alle in Erstaunen setzt. Die moderne, technische Anwendung ermöglichende Wissenschaft versteht sich nicht als eine Ausfüllung der Naturlücken und Einfügung in das natürliche Geschehen, sondern gerade als ein Wissen, in dem die Umarbeitung der Natur in eine menschliche Welt, ja die Wegarbeitung des Natürlichen vermöge einer rational beherrschten Konstruktion leitend ist. Als Wissenschaft macht sie Naturvorgänge berechenbar und beherrschbar, so daß sie am Ende sogar das Natürliche durch das Künstliche zu ersetzen weiß. Das liegt in ihrem eigenen Wesen. Nur so ist die Anwendung der Mathematik und der quantitativen Methoden auf die Naturwissenschaft möglich, weil ihr Wissen Konstruktion ist. Nun lehrt aber unsere Überlegung, daß die Situation der Heilkunst auf eine unaufhebbare Weise an die Voraussetzung des antiken Naturbegriffs gebunden bleibt. Sie ist unter den Wissenschaften von der Natur diejenige, die nie ganz als Technik zu verstehen ist, weil sie ihr eigenes Können immer nur als das Wiederherstellen des Natürlichen erfährt. Sie stellt daher innerhalb der modernen Wissenschaften eine eigentümliche Einheit von theoretischer Erkenntnis und praktischem Wissen dar, eine Einheit, die sich überhaupt nicht als Anwendung von Wissenschaft auf Praxis verstehen läßt. Sie stellt eine eigene Art praktischer Wissenschaft dar, für die im modernen Denken der Begriff abhanden gekommen ist.

Im Lichte dieser Überlegungen gewinnt eine schöne und vieldiskutierte Stelle im platonischen Phaidros ein besonderes Interesse, weil sie die Situation des Arztes, der diese „Wissenschaft“ besitzt, beleuchtet. Plato spricht dort von der wahren Redekunst und stellt sie in Parallele zur Heilkunst. In beiden gilt es, Natur zu verstehen, in der einen die der Seele, in der anderen die des Leibes, wenn man nicht bloß auf Grund von Routine und Erfahrung, sondern aus wirklichem Wissen handeln will. Wie man wissen muß. welche Medikamente und welche Nahrung dem Leibe zuzuführen sind, damit sie Gesundheit und Kraft bewirken, so muß man auch wissen, welche Reden und gesetzlichen Einrichtungen man der Seele zuzubringen hat, damit sie richtige Überzeugung und das rechte Sein (Arete) zustande bringen. Und nun fragt Sokrates seinen von der Rhetorik begeisterten jungen Freund: ,“Glaubst du, daß man die Natur der Seele verstehen kann, ohne die Natur des Ganzen?“ Und daraufhin antwortet ihm dieser: ,,Wenn man Hippokrates, dem Asklepiaden, glauben darf, kann man ohne diese Verfahren ja nicht einmal vom Leib etwas verstehen.“ Die beiden Bestimmungen <Natur des Ganzen> und <dieses Verfahren> (nämlich, die Natur einzuteilen) gehören offenbar zusammen. Die wahre kunstmäßige Rhetorik, die Sokrates hier fordert, wird der wahren Heilkunde darin ähnlich sein, daß sie das mannigfaltige Wesen der Seele, in die sie Überzeugungen einpflanzen soll, kennen muß und ebenso die Mannigfaltigkeit der Reden, die sich für die jeweilige Verfassung der Seele eignen. Das ist die Analogie, die aus dem Blick auf das ärztliche Tun und Können entwickelt wird. Wahre Heilkunde, die ein echtes Wissen und Können einschließt, verlangt also, auseinanderzukennen, was jeweils die Verfassung des Organismus ist und was dieser Verfassung zuträglich ist.

Werner Jaeger hat mit Recht bei der Deutung dieser Stelle die Meinung zurückgewiesen, als ob hier eine besondere, naturphilosophische, von kosmologischen Gesamtideen erfüllte Medizin gefordert werde. Das Gegenteil ist der Fall. Das Verfahren, um das es geht, ist die Methode des Einteilens, der differenzierenden Betrachtung, die die jeweiligen Krankheitserscheinungen in der Einheit eines spezifischen Krankheitsbildes zusammenfaßt und von da eine einheitliche Behandlung ermöglicht. Bekanntlich ist der Begriff der Eides, den wir durch die platonische Ideenlehre kennen, zuerst innerhalb der medizinischen Wissenschaft gebraucht worden. So begegnet er bei Thukydides in einer Krankheitsbeschreibung, in der Schilderung des Krankheitsbildes jener berühmten Pest, die Athen am Anfang des Peloponnesischen Krieges heimsuchte und der schließlich auch Perikles erlag. Die medizinische Wissenschaft ist in ihrer Forschung bis zum heutigen Tage von der gleichen Forderung bestimmt. Die gemeinte Methode des Einteilens ist eben alles andere als eine scholastische Begriffsspalterei. Einteilung ist nicht Herauslösung eines Teiles aus der Einheit eines Ganzen. Sokrates verbietet hier jede isolierende Betrachtung der Symptome und fordert eben damit wirkliche Wissenschaft. Er geht dabei noch über das hinaus, was auch die moderne medizinische Wissenschaft als ihre methodische Grundlage anerkennt. Die Natur des Ganzen, von der her die Rede ist, ist nicht nur das einheitliche Ganze des Organismus. Wir haben ja aus der griechischen Medizin ein reiches Anschauungsmaterial dafür, wie Wetter und Jahreszeit, Temperatur, Wasser und Ernährung, kurz, wie alle möglichen klimatischen und Umweltfaktoren die konkrete Seinsverfassung dessen mit ausmachen, um dessen Wiederherstellung es geht. Der Zusammenhang, in dem die behandelte Stelle steht, läßt aber noch einen weiteren Schluß zu. Die Natur des Ganzen umschließt die gesamte Lebenssituation des Patienten, ja sogar die des Arztes. Die Medizin wird mit der wahren Rhetorik verglichen, welche die rechten Reden in der rechten Weise auf die Seele einwirken lassen soll. Eine höchst ironische Vorstellungsweise. Plato schwebt gewiß nicht vor, es sollte eine solche Kunst der rhetorischen Seelenführung geben, die beliebige Reden zu beliebigen Zwecken einzusetzen und auszunutzen wüßte. Was er meint, ist offenbar, daß es die rechten Reden sein müssen und daß nur der die rechten Reden kennen kann, der die Wahrheit erkannt hat. Nur der also wird der rechte Redner sein, der der wahre Dialektiker und Philosoph ist. Das rückt nun die mit ihr verglichene Heilkunst in ein höchst interessantes Licht. Wie die scheinbare Sonderaufgabe der Rhetorik in das Ganze der philosophischen Lebenshaltung übergeht, so wird es wohl auch bei jenen Mitteln und Behandlungen sein, welche die Medizin dem menschlichen Leibe zubringt, um ihn wiederherzustellen. Insofern stimmt die Parallele von Redekunst und Heilkunst auch darin, daß die Verfassung des Leibes in die Verfassung des Menschen im ganzen übergeht. Seine Stellung im Ganzen des Seins ist nicht nur im Sinne der Gesundheit, sondern in einem umfassenderen Sinne eine balancierte. Krankheit, Verlust des Gleichgewichts, meint nicht nur einen medizinisch-biologischen Tatbestand, sondern auch einen lebensgeschichtlichen und gesellschaftlichen Vorgang. Der Kranke ist nicht mehr der alte. Er fällt aus. Er ist aus seiner Lebenssituation herausgefallen. Doch bleibt er als der, dem etwas fehlt, auf die Rückkehr in sie bezogen. Gelingt die Wiederherstellung des natürlichen Gleichgewichts, so gibt der wunderbare Vorgang der Genesung dem Gesundeten auch das Lebensgleichgewicht zurück, in dem er tätig er selbst war. So ist es kein Wunder, daß umgekehrt der Verlust des einen Gleichgewichts zugleich immer das andere Gleichgewicht gefährdet, ja daß es im Grunde nur ein einziges großes Gleichgewicht ist, in welchem sich das menschliche Leben hält, um das es schwankt und das sein Befinden ausmacht.

In diesem Sinne gilt, was Plato andeutet, daß der Arzt wie der wahre Redner das Ganze der Natur sehen muß. Wie jener aus wahrer Einsicht das rechte Wort zu finden hat, um den anderen zu bestimmen, so muß auch der Arzt über das hinaussehen, was der eigentliche Gegenstand seines Wissens und Könnens ist, wenn er der wahre Arzt sein will. Seine Lage ist daher ein schwer einzuhaltendes Zwischen von menschlich unverbindlichem Berufsdasein und menschlicher Verbindlichkeit. Es macht seine Lage als Arzt aus, Vertrauen zu brauchen und doch auch wieder seine ärztliche Macht beschränken zu müssen. Er muß über den <Fall>, den er behandelt, hinaus auf den Menschen im Ganzen seiner Lebenssituation sehen. Ja, er hat sogar sein eigenes Tun und was es bei dem Patienten wirkt, mitzureflektieren. Er muß sich zurückzunehmen wissen. Denn er darf weder von sich abhängig machen, noch ohne Not Bedingungen der Lebensführung (<Diät>) vorschreiben, die die Wiedereinspielung des Patienten in sein Lebensgleichgewicht verhindern.

 

Was für das Verhältnis des Seelisch-Kranken zu seinem Arzt allgemein bekannt ist und die anerkannte Aufgabe des Psychotherapeuten mit ausmacht, gilt in Wahrheit allgemein. Die ärztliche Kunst vollendet sich in der Zurücknahme ihrer selbst und in der Freigabe des anderen. Auch hier tritt die Sonderstellung der Heilkunst im Ganzen der menschlichen Künste hervor. Daß das, was von einer Kunst hergestellt wird, sich von seiner Entstehung löst und einem freien Gebrauch überantwortet ist, stellt eine Beschränkung dar, die jedem, der eine Kunst und ein Können ausübt, auferlegt ist. Beim Arzt aber wird das gleiche zu einer echten Selbstbeschränkung. Denn es ist kein bloßes Werkstück, das er gemacht hat, sondern es ist Leben, das ihm anvertraut war und das er nun aus seiner Obhut entläßt. Dem entspricht die besondere Lage des Patienten. Der Gesundgewordene, der seinem eigenen Leben zurückgegeben ist, beginnt die Krankheit zu vergessen, aber er bleibt dem Arzt auf eine (meist namenlose) Weise verbunden.

 

 

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