„Gleichgewicht“ bei Friedrich Schiller

eingereicht von Dr. Hermann Schmidt

Friedrich Schiller:
Einen bemerkenswerten Hinweis auf die Frage nach dem Gleichgewicht gibt Friedrich Schiller im 20. Brief seiner Schrift Über die ästhetische Erziehung des Menschen. Dort heißt es: „Die Schalen einer Wage stehen gleich, wenn sie leer sind; sie stehen aber auch gleich, wenn sie gleiche Gewichte enthalten.“
Dem Bild von der Waage im Gleichgewicht geht im 19. Brief eine Analyse des Spieltriebs voraus, der sich aus der Dynamik des Widerspruchs von Stofftrieb und Formtrieb entwickelt. Im ästhetischen Zustand des Spieltriebs sieht Schiller den Ursprung der Freiheit des Menschen angesiedelt. Dabei erinnert Schiller in diesem Zusammenhang nochmals an den Menschen als ein Wesen, das sich durch den sinnlichen und vernünftigen Trieb bestimmt. Stehen sich beide gleich stark gegenüber ergibt sich eine Balance, in der sich der Spieltrieb entfalten kann.
Wenn Schiller dann im 20. Brief das Bild von der Waage gebraucht gelingt ihm eine vertiefende Einsicht der Balance der widersprüchlichen Triebe, die ihn zu einer Definition des Ästhetischen führt. Im Gegensatz zu anderen Vermögen des Menschen, beispielsweise zu physischen, logischen und moralischen Beziehungen des Gemüts auf eine Sache, vermittelt das Bild des Gleichgewichts, dass im ästhetischen Zustand alle Gemütskräfte – die sinnlichen wie auch die vernünftigen – gleichzeitig und gleichermaßen angesprochen sind. Auf diese Weise ist der ganze Mensch betroffen, sodass sich das Gemüt völlig frei zwischen allen Möglichkeiten bewegen kann. Schiller spricht in diesem Sinne vom ästhetischen Zustand als einer „freien Stimmung“ und charakterisiert sie zugleich als eine „erfüllte Unendlichkeit.“ – Unendlich, weil hier alle Möglichkeiten gegeben und alle Wege offen stehen, allerdings unter der Voraussetzung eines aufrecht zu erhaltenen Gleichgewichts.

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